Einsamkeit im Alter - Eine fiktive Geschichte vom Alleinsein

 

 

Autor: Larissa Läubli

 

Traurig blickt Rita aus dem Fenster. Es ist kurz nach 10 Uhr morgens und die 76-jährige Seniorin weiss wieder einmal nicht recht, was sie mit all der vorigen Zeit anfangen soll. Seit ca. vier Stunden ist sie heute schon wach, hat gefrühstückt, die Zeitung gelesen und danach die Küche geputzt, um das Gefühl der aufkommenden Einsamkeit zu unterdrücken. Und jetzt? Rita schaut noch eine Weile raus aus dem Fenster ihres Wohnzimmers. Von hier sieht sie auf den nahegelegenen Wald und auf die Strasse, welche an ihrem Haus vorbei ins nächste Dorf führt. Da Rita nicht Auto fahren kann, muss sie den Bus nehmen. Doch dieser fährt zum Glück regelmässig und die nächste Haltestelle ist auch nicht allzu weit entfernt.

 

Da die Seniorin nicht mehr so gut gehen kann, hat sie schon länger einen Stock und ist deshalb nicht mehr so flott unterwegs wie früher. Das hält sie jedoch nicht davon ab, oft nach draussen zu gehen für einen Spaziergang oder um kleinere Einkäufe zu erledigen. Für grössere Anschaffungen darf sie ihrer Nachbarin Anna, welche etwas weiter die Strasse runter wohnt, ihre Einkaufsliste mitgeben oder sie holt Rita mit dem Auto ab und die beiden Frauen gehen gemeinsam zum Volg vorne im Dorf. Dafür ist die Seniorin sehr dankbar.

 

Seit ihr Mann Hans vor 10 Jahren gestorben ist, welcher ein Auto hatte, hat sie leider sehr an Mobilität eingebüsst. Gerne würde sie wieder mehr unterwegs sein und sich mit anderen zum Spazieren, Kartenspielen oder einfach zum Plaudern treffen. Ihre Familie sieht Rita leider auch nicht oft. Ihr älterer Sohn lebt zusammen mit seiner Frau und den Enkelkindern in einem anderen Kanton, die Tochter ist beruflich viel unterwegs und der jüngere Sohn ist nach Spanien ausgewandert. Um trotzdem miteinander in Verbindung bleiben zu können, haben ihr ihre Kinder vor ein paar Jahren einen PC auf den Geburtstag geschenkt um zu skypen.

 

Zuerst klappte das auch ganz gut, Rita besuchte sogar extra einen Kurs und freute sich sehr, mit ihren Liebsten per Videoübertragung sprechen zu können. Nur wurden die Gespräche mit der Zeit immer seltener und kürzer. Doch will sich die Seniorin niemandem aufdrängen und kann verstehen, dass alle immer beschäftigt sind. Die fehlende Aufmerksamkeit nagt jedoch schon ziemlich an ihr. Ihre Enkel, die früher gerne und oft bei ihr zu Gast waren, sind nun beide im Teenager-Alter und haben natürlich gerade alles andere im Kopf als die Oma.

 

Rita erinnert sich noch gut, wie ihr Enkelsohn Mischa vor einiger Zeit mit ihr zusammen vor dem Bildschirm sass und ihr die diversen Spiele zeigte, die man mit dem PC spielen kann. Einem richtigen Menschen gegenüber zu sitzen und Karten zu spielen gefällt Rita jedoch viel besser. Ein richtiger Sozialkontakt eben. Im Dorf vorne lebt Ritas beste Freundin Margrit. Vor ihrer Alzheimer-Diagnose gingen die beiden häufig zusammen auf Ausflüge und trafen sich fast täglich zum Jassen.

 

Jetzt besucht Rita ihre Freundin so gut es geht im Altersheim, dass für sie leider sehr weit entfernt liegt. Die meisten Senioren im Dorf leben nun im Heim, doch Rita fühlt sich dafür noch lange nicht bereit. Ihr geht es gut und sie hängt sehr an ihrem zu Hause, wo alle ihre Kinder aufgewachsen sind. Der Umzug in ein Altenpflegeheim oder in eine betreute Wohnung in der Stadt, das wäre ein grosser Schritt für die 76-jährige. Auch wenn sie dort unter anderen Betagten wäre.

 

Die Wanduhr im Wohnzimmer reisst Rita aus ihren Überlegungen, es ist 11 Uhr und sie begibt sich in die Küche, um sich eine Gemüsesuppe zu machen. Kochen ist Ritas Leidenschaft. Sie arbeitete früher auch als passionierte Köchin in diversen Restaurants. Wie gerne würde sie wieder einmal mit jemandem zusammen kochen oder in einer Gruppe. Auch hat sie schon mit dem Gedanken gespielt, einen Kurs im kleinen Rahmen zu geben, vielleicht gleich bei sich zu Hause. Wie viele Junge können heute nicht mehr richtig kochen und ernähren sich bloss von diesen abgepackten Fertiggerichten? Dem könnte sich die Seniorin doch widmen: ein Kurs speziell für junge Leute. Nebenbei würde sie ihnen dann auch gleich allerlei Tipps und Tricks für den alltäglichen Gebrauch geben. Das hatte sie auch mal angesprochen, als sie ihren älteren Sohn mit der Familie bei sich zum Abendessen eingeladen hatte und bekam dafür viel Zustimmung. «Mach doch ein kleines Inserat und hänge es im Dorf vorne auf», meinte Silvia, ihre Schwiegertochter. Ritas Sohn Marc schüttelte darauf gleich den Kopf und entgegnete: «Heute läuft alles online. Du hast ja einen Computer, wieso setzt du nicht eine Anzeige ins Internet? Ich kann dir da auch helfen.»

 

Rita war damals völlig überrumpelt von dem Vorschlag und meinte, sie müsse sich das erst mal in Ruhe überlegen. Das war jetzt auch schon wieder ein paar Monate her, den verlockenden Gedanken an diesen Teenie-Kurs wurde sie jedoch nicht mehr los. Soll sie es doch wagen? Vielleicht bräuchte sie ein wenig Hilfe zum Erstellen des Inserats, denn ihr PC-Kurs ist auch schon eine Weile her. Rita setzt sich mit ihrer Suppe an den Esstisch. Der Gedanke an den Kurs, ihren Kurs, hat sie während dem Kochen richtig beflügelt. Sie ertappte sich auch schon dabei, wie sie sich Überlegungen zu möglichen Menüs machte und welche Themen sie behandeln könnte. Wieso es nicht einfach wagen? Geld würde sie dafür sicher keines verlangen und ihren Aufwand mehr als ehrenamtliche Tätigkeit sehen. Ihr Haus wäre gut erreichbar, auch mit dem öffentlichen Verkehr und ums Haus wäre genügend Platz für Autos. Oder vielleicht könnte sie auch die Küche im Löwen nutzen, das Restaurant vorne im Dorf, wo sie viele Jahre angestellt war. Das hätte jeden Montag geschlossen und könnte so allenfalls von ihnen genutzt werden.

 

Nach dem Essen kümmert sich Rita sofort um den Abwasch, danach macht sie es sich ein wenig in ihrem Sessel bequem und löst Kreuzworträtsel. Doch immer wieder kommen ihr neue Gedanken und Ideen, welche ihre Konzentration verlangen. Die Seniorin holt sich einen Notizblock und beginnt, ihre Einfälle zu Notieren und ein kleines Konzept zu erstellen. Noch tagelang brütet sie über ihren Blättern und streicht oder ergänzt Dinge. Auch hat sie sich inzwischen über eine Homepage schlau gemacht, wo sie ihr Inserat hochschalten könnte. Nun, da alles zusammengetragen ist, kann sie ihr Vorhaben umsetzen. Ein wenig nervös startet Rita ihren PC und verfasst ihre Anzeige. Zur Kontrolle liest sie es sich noch ein paar Mal durch, um keine Schreibfehler zu übersehen. Mit einem Lächeln klickt sie ein letztes Mal auf OK. So, erledigt. Ihr Kursangebot ist jetzt im Internet veröffentlicht.